In Russland hielt ich das Neujahr immer für eines der schönsten Feste. Weihnachten war für mich nie so auffällig. Gerade deswegen war das Weihnachtsfest in Deutschland, das ich glücklicherweise miterlebt habe, eine richtige Entdeckung für mich. Eine Menge Eindrücke, die in nur einer Sammlung schwer wiedergegeben werden können.

In Deutschland wird Weihnachten am 24. Dezember gefeiert. Aber ihm gehen vier Adventswochen voraus. Und das Interessanteste geschieht nach meiner Ansicht gerade in dieser Zeit.

Der Weihnachtsbaum wird bereits Ende November auf dem Marktplatz aufgestellt. In Deutschland gibt es fast keinen Schnee, deswegen werden hier auch keine Eisstädte gebaut. Dafür nimmt ein Weihnachtsmarkt ihre Stelle ein. Hier kann man schlendern, sich Weihnachtsschmuck anschauen, Süßigkeiten naschen und sich schließlich mit Geschenken für das Fest versorgen. Besonders belebt ist der Weihnachtsmarkt am Abend. Man kommt, um Freunde zu treffen, heißen Glühwein zu trinken und die kommenden Weihnachtsfeiertage zu besprechen.

Weihnachtsspeisen

Gebratene Nüsse ziehen mit ihrem Wohlgeruch an

Bereits von ferne zieht der Weihnachtsmarkt mit dem Wohlgeruch der gebrannten Nüsse an. Dieses Naschwerk wird an Ort und Stelle zubereitet. Verschiedene Sorten von Nüssen werden in einer tiefen Pfanne erhitzt und mit Zuckerguss überzogen. Zimt, der hinzugegeben wird, verleiht ihnen einen besonderen Geschmack und Geruch.

Nüsse sind in Deutschland für diese Jahreszeit kennzeichnend. Erstens sind Nüsse im Winter sehr gesund. Zweitens waren sie früher teuer, und nicht jeder konnte es sich erlauben, sie oft zu kaufen. Aber Weihnachten galt als Ausnahme. Heute kann man Nüsse in jedem Haus finden. Daneben steht gewöhnlich ein Nussknacker. Er wird aus Holz gewöhnlich in der Gestalt eines Spielzeugssoldaten gebastelt. In Russland ist er mehr durch das gleichnahmige Märchen „Der Nussknacker“ bekannt.

Glühwein ist der beliebteste Getränk auf dem Weihnachtsmarkt

Das beliebteste Getränk zu Weihnachten in Deutschland ist der Glühwein. Um ihn zuzubereiten, muss man in den Rotwein Zimt, Nelken und Orangenschale geben und ihn erhitzen. Glühwein wird heiß getrunken. Er kann dem Geschmack nach sehr unterschiedlich sein. Sehr viel hängt davon ab, aus welchem Wein er zubereitet wird. Auf dem Weihnachtsmarkt haben wir Glühwein vom Weingut Misskam gekostet. Sie keltern Wein seit 1753. Und selbstverständlich unterscheidet sich ihr Glühwein von dem Glühwein, der aus dem in einem Supermarkt gekauften Wein zubereitet wird.

Plätzchenbacken ist eine gemeinschaftliche Arbeit

Traditionell sind für diese Jahreszeit außerdem weihnachtliche Plätzchen. Spannend ist auch der Zubereitungsablauf selbst. In erster Linie deswegen, weil er gemeinschaftlich ist. Extra dafür versammeln sich Freunde oder Verwandte bei jemandem zu Hause. Dabei bringt jeder sein eigenes Rezept mit. Trotzdem wiederholen sich einige Zutaten. Zum Beispiel Gewürze. Sie werden hier generell mit der Weihnachtszeit in Verbindung gebracht. Wenn die Plätzchen fertig sind, werden sie verziert. Bei dieser Beschäftigung kann man sich nur auf seine Phantasie verlassen.

Während Plätzchen gewöhnlich zu Hause gebacken werden, kann man weihnachtliche Lebkuchen ruhig auf dem Weihnachtsmarkt kaufen. Sie sind oft in Herzform zu finden, mit Schokoguss überzogen und einer Beschriftung versehen. Wem würde es zum Beispiel nicht gefallen einen Lebkuchen mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ zu naschen?

Es ist auch interessant, dass jedes Gebäck seine eigene Geschichte hat. So ist der Stollen meistens oval geformt und verkörpert ein in eine Decke gewickeltes Baby.

Damit ist natürlich Jesus Christus gemeint. Vom Geschmack her erinnert der Stollen an einen Rosinenkuchen mit Nüssen, Rosinen, Zitronenschale und Zukkade. Gebacken wird er beizeiten. Man sagt, dass je länger er aufbewahrt wird, desto besser schmeckt er.

Weihnachtsschmuck

Häuser und Strassen beginnt man schon Ende November zu schmücken. Auf solche Weise bleibt den ganzen Monat lang die feierliche Atmosphäre erhalten.

In Russland wird Neujahr und Weihnachten mit einem geschmückten Tannenbaum assoziiert. In Deutschland gibt es nicht so viele Weihnachtsbäume. Der größte Weihnachtsbaum wird im Zentrum der Stadt aufgestellt. Die kleineren kann man auf den Straßen und in den Schaufenstern sehen. In Häusern aber trifft man sie viel seltener. Wo es keinen Baum gibt, schafft eine Vase mit geschmückten Tannenzweigen die weihnachtliche Atmosphäre.

Leuchtende Lichterbogen

Beim Spaziergang am Abend kann man sehr lange die Fenster der Häuser betrachten und bewundern. Auf die Fensterbretter werden gewöhnlich hölzerne Lichterbogen mit ausgeschnittenen Bildern und weihnactlichen Gebeten gestellt. Oben wird dieses Wunder mit Lichtern oder traditionell mit Kerzen beleuchet.
An den Fenstern werden auch große Sterne aufgehängt. Sie symbolisieren den Stern, der über dem kleinen Christus strahlte.

Der meist verbreitete Schmuck sind Kerzen. Die Kerzen sind an Weihnachten nicht wegzudenken. Auf dem Weihnachtskranz sind vier Kerzen. Am ersten Adventswochenende wird eine Kerze angezündet, dann kommt jeden Sonntag eine weitere hinzu. Am letzten Weihnachtswochenende brennen alle vier Kerzen.

Deutsche „Väterchen Frost“

Mit Väterchen Frost haben die Deutschen mehr Glück. Sie habe nicht nur eins. Und ehrlich gesagt war es für mich ein wenig kompliziert mit allen Väterchen Frost zu Recht zu kommen.

Vätterchen Frost namens Nikolaus

Am 5. Dezember kommt das deutsche Väterchen Frost namens Nikolaus. Er klettert in der Nacht auf einer Leiter oder durch den Schornstein in die Häuser und legt Geschenke in die Schuhe. Natürlich ist er dabei noch nie gesehen worden. Zu den Kindern hat er ein besonderes Verhältnis. Wenn sie sich im Laufe des Jahres schlecht benommen haben, dann bekommen ungehorsame Kinder statt des Geschenks eine Rute.

Heute kann sich kaum noch jemand daran erinnern, wie die Gestalt des Nikolaus entstanden und womit sie verbunden ist. Aber immerhin erzählen Kenner der deutschen Kultur davon, dass im 11. Jahrhundert ein Bischof lebte, der an die Armen Süßigkeiten verteilte. Dazu stellten die Leute ihre Schuhe vor die Haustür. Der Bischof hieß der Heilige Nikolaus. Übrigens war sein Mantel rot. Vielleicht ist deswegen sein Mantel auch heute noch rot.

Wenn wir auf Geschenke zu sprechen kommen, so haben die deutschen Kinder wiederum mehr Glück als die russischen. Für sie wird ein Adventskalender aufgehängt. An einem Band werden 24 kleine Schuhe befestigt und mit Süßigkeiten gefüllt. Jeden Morgen öffnet das Kind mit Ungeduld einen davon und erfreut sich an der Überraschung.

Das wichtigste Geschenk bringt am 24. Dezember schon ein anderes Väterchen Frost, der den deutschen Namen Weihnachtsmann trägt. Die Kinder können ihm sogar einen Brief schreiben. Unter Berücksichtigung ihrer Wünsche wählt er Geschenke aus und legt sie unter den Weihnachtsbaum.

Die vier Adventswochen enden am 24. Dezember mit dem langersehnten Weihnachten. Gefeiert wird meistens im Kreis der Familien. Auf den Tisch kommen traditionelle Gerichte, z.B. Klöße, Sauerkraut und Gänsebraten mit Äpfeln. Und nach dem weihnachtlichen Abendessen werden Geschenke ausgepackt. Die nächsten zwei Tage sind auch Feiertage. Und das ist die beste Zeit Verwandte, Freunde und Bekannte zu besuchen. Somit ist das große Weihnachtsmärchen zu Ende. Aber man braucht nicht traurig zu sein, bald kommt ja das Neujahr. Obwohl es nicht so beliebt ist wie in Russland.

Dilara Dilmukhametova, 28.12.2004