Nach meinem letzten Beitrag „School`s out for Summer – Im russischen Ferienlager“ folgt hier ein zweiter Artikel zum Thema: Wie verbringen die Menschen in Russland ihren Sommerurlaub?

Ich möchte hier über eine weitere Variante des typisch russischen Urlaubs schreiben. Der Badeurlaub am schwarzen Meer.

Sotschi ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Aushängeschild der Bade- und Kurorte an der russischen Schwarzmeerküste. Zu besten Zeiten in der Sowjetunion besuchten jährlich etwa 6 Millionen Touristen Sotschi um ihren Badeurlaub oder ihre Kur dort zu verbringen. In der Sowjetunion noch für die große Masse erschwinglich, stiegen die Preise für Unterkunft, Verpflegung und Unterhaltung nach Zusammenbruch der Sowjetunion allerdings stark an. Viele Menschen konnten sich den Urlaub hier nicht mehr leisten. Das im sozialistischen Russland gepflegte Konzept des Tourismus für die Massen wurde aufgegeben.

Heute ist Sotschi mit 4 Millionen Besuchern jährlich, neben den Badeorten in der Türkei und in Ägypten wieder eines der Topreiseziele für russische Sommertouristen.

Um den klassischen russischen Sommerurlaub zu erleben, habe ich mich mit einer Freundin nach Sotschi aufgemacht. Natürlich im Zug, denn das gehört zum russischen Badeurlaub wie der getrocknete Fisch zum Bier.

1. Teil – Im Zug

Es ist Ende Juli, früh am Morgen und kalt in Ufa.

Die Reise beginnt am Bahnhof.

Als wir am Bahnsteig ankommen, wartet der Zug der uns nach Sotschi bringen soll schon am Gleis. „Krasnojarsk – Adler“. Vor den geöffneten Waggontüren stehen Leute in Trauben auf dem Steig. Verschlafene, sich Streckende, Rauchende, manche bereits seit Tagen unterwegs. Die Zusteigenden wären selbst ohne Gepäck einfach an der Frische in ihren Gesichtern zu erkennen.

Im Zug ist es stickig und warm. Wir beziehen unser Quartier über zwei ausgesprochen korpulenten, noch schlafenden, jungen Frauen. Nachdem das ganze Gepäck verstaut ist, strecken wir uns auf den Betten aus, starren aus dem kleinen Kippfenster und warten bis der Zug sich in Bewegung setzt. 50 Stunden Richtung Südwest liegen vor uns.

Der erste Tag vergeht über Büchern, Gesprächen, einigen Partien Schiffe versenken und gelegentlichen Nickerchen. Je weiter wir kommen desto heißer wird es im Waggon, keine Klimaanlage die uns zur Hilfe kommt. Das Raumthermometer zeigt 35° C an. Die bisweilen längeren Aufenthalte an zu passierenden Bahnhöfen werden zur unverhofften Gelegenheit für eine kleine Abkühlung. Das wissen auch die Einheimischen. Am Bahnsteig preisen sie lautstark alle möglichen Erfrischungen an, Wassermelonen und kalte Pfirsiche, Creme und Wassereis, kaltes Bier, Limonade, Kwas und die großen 2 Liter Wasserflaschen. Wer keine Erfrischung nötig hat, kann stattdessen auch gefüllte Teigtaschen, Fisch und Meeresfrüchte aller Art, Gurken und Tomaten, Beeren, Süßigkeiten und viele Spezialitäten mehr deren Namen und genaue Funktion ich nicht kenne, direkt am Bahnsteig erstehen.

Am Abend des Zweiten Tages, der letzte Halt vor Einbruch der Dunkelheit. Die Sonne verwandelt den bröckelnden Beton und rostigen Stahl des Bahnhofsgeländes in Gold. Die Menschen drängen gierig aus der Enge der Waggons hervor. Es entsteht eine Atmosphäre der Verbundenheit zwischen den Reisenden, alle wollen das gleiche, ab in den Urlaub.

Ich sehe mich um. Da sind die Männer, die seit dem ersten Tag der Reise auf Oberbekleidung verzichten und nur Badehose und Schlappen tragen , die Mütter mit den großen Plastiktaschen voller Lebensmittel, die jungen Frauen in Hot Pants und Sportoberteil, Kinder die vergnügt herumrennen und ein Eis nach dem andern essen, junge Männer, die im Schatten des Bahnhofskiosk zusammen stehen, Bier trinken und rauchen, Paare, die endlich Platz haben sich zu umarmen und auch unsere Abteilnachbarinnen, die beiden jungen Frauen aus Krasnojarsk, die heute schon ihren 5. Tag im Zug verbringen und immer noch gut drauf sind. Mir wird klar, die Leute hier fahren nicht in den Urlaub, für die hat der Urlaub begonnen als sie in den Zug gestiegen sind.

Der nächste Tag beginnt früh. Um 6 Uhr wacht der Zug auf.

Das letzte Stück führt direkt an der Küste entlang. Links die Berge, rechts das morgenblaue Meer. Der Name „russische Riviera”, mit dem die Küste in Sotschi und Umgebung bezeichnet wird, verspricht nicht zu viel. Aufwachen und am großen Fenster das Meer vorbeiziehen sehen, das ist ein Moment für den sich diese 50 Stunden Zugfahrt lohnen. Ein Gefühl das ungleich schöner ist als nach 3 Stunden Flugzeugenge in Malaga aus dem Flugzeug zu steigen und gegen eine Wand aus heißer Luft zu rennen. Vom Fenster aus sehe ich am Strand die Morgenschwimmer in der ersten Sonne liegen, die Angler, die die frühe Ruhe nutzen. Ich kann es kaum erwarten mich dazu zu gesellen.

Viktor Sommerfeld, August 2014