Glücklicherweise bin ich jetzt schon zum dritten Mal in Deutschland. Die letzten zwei Male war ich als „Touristin“  hier- wohnte in einer Gastfamilie oder machte den Freiwilligendienst und hatte dementsprechend eine Vollpflegung.  Diesmal ist alles ganz anders. Ich habe mir eine  Wohnung gemietet, mache hier Einkäufe, bezahle alles. Alles selbst. Und genau deswegen tauchen sehr viele Sachen auf, die man als Tourist fast nicht bemerkt, die aber ein bisschen komisch sind.

Was war „komisch“ für mich?

Nach meiner Ankunft hier in Deutschland wollte ich mir eine Wohnung suchen. Das gelang mir aber nicht, denn ich kam ganz knapp vor Weihnachten. Wahrscheinlich wissen Sie schon, dass Weihnachten das größte Familienfest in Deutschland ist und deshalb fast alle zu ihren Familien fahren? Es ist seltsam, die Stadt wirkt wie ausgestorben. Kommen alle Studenten aus anderen Städten? Wo sind die Hallenser? Was ist mit den älteren Menschen/Senioren? Fahren sie auch weg oder bereiten sie zu Hause schon eine Weihnachtsente vor? Es ist sehr seltsam. Alle meine Bekannten waren auch weg. Ich blieb allein. Glücklicherweise studiert meine Kommilitonin aus Ufa auch in Halle. Wir haben uns entschieden, Weihnachten wie in Russland zu feiern. Also wie immer- mit „Salat Oliwje“. Die meisten machen ihn zu Neujahr, um ihn dann später während des traditionellen Films „Ironija Sudjby“ (Ironie des Schicksals) zu essen. Doch da gab es ein Problem: in Deutschland gibt es keine Kochwurst. Es gibt dutzende Wurstsorten, besonders viel geräucherte Wurst, oder die beliebten deutschen Würstchen- aber keine Kochwurst. So machten wir unseren Salat mit Würstchen. Ich rate Ihnen: Machen Sie das nicht! Es schmeckt nicht!

Was mich aber wirklich schockierte, war das Wohnen. Ich hatte wirklich einen Kulturschock! Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es in Deutschland noch Wohnungen mit Kohleöfen gibt! Wir leben schon im 21. Jahrhundert! Manche sagen, dass sei romantisch. Vielleicht hatte ich ein kleines bisschen Pech, denn in diesem großen Zimmer, wo ich gewohnt habe, gab es zahlreiche Löcher in den Fenstern und es ziehte. Es war wirklich kalt. Sehr kalt! Da gab es einen Kohleofen, der aber zu klein für so ein Zimmer war. Na gut, es war ja nur das Wohnzimmer, das im Winter kaum genutzt wird und das mir für eine lange Zeit zur Verfügung gestellt wurde.

Ich kann euch sagen: In ein kaltes Bett schlafen gehen – das ist nichts für empfindliche Menschen. Aber es ist nicht überall so. Es gibt auch mit Kohleofen beheizte Zimmer, in denen es schön warm ist. Man muss nur immer heizen. Viele Menschen, die in so einem Haus bzw. Zimmer wohnen, haben sich daran schon gewöhnt. Wenn man zum Beispiel zu spät nach Hause kommt, braucht man im Prinzip mit dem Heizen gar nicht mehr anzufangen. Denn es dauert ziemlich lang. Erst muss man die Kohle ins Zimmer holen und dann anheizen. Und dann dämmert schon der Morgen. (Das Letzte war aber nicht ernst gemeint!) Ich bin ja sowieso sehr dankbar, dass ich für so lange Zeit in dem Zimmer schlafen durfte. Denn es ist besser als draußen zu wohnen, wenn es kalt ist.

Nach einer langen Wohnungssuche und häufigen Absagen, habe ich eine Wohnung gefunden. Ein sehr großes Zimmer in einer WG mit zwei Mitbewohnern. Es ist in Deutschland ganz normal, wenn Männer und Frauen zusammen unter einem Dach wohnen, sogar wenn es nur eine Frau und 3-4 Jungen (oder umgekehrt) sind. Anfangs war das für mich auch komisch, jetzt ist es aber normal. Ich bin schon eingedeutscht. Das Zimmer ist sehr groß, hell und voll möbliert. In der Wohnung waren bereits eine Einbauküche mit Herd und eine  Waschmaschine. Mehr braucht man nicht zum leben. In Russland, ich gebe es zu, sehen die meisten Wohnungen wie die Wohnungen aus den 80er Jahren aus, da sie schon lange eine Renovierung nötig haben und es fehlt normales Möbel.

Also, jetzt habe ich meine eigenen vier Wände und muss mich an das deutsche Leben anpassen. Das heißt – nicht auf großem Fuß leben und sparen. Darüber wollte ich schon am Anfang schreiben, aber alles der Reihe nach.

 Sehr oft hört man: „ So eine Verschwendung!“ und es ist wirklich so – das Sparen bemerkt man bei fast an allen wichtigen Sachen – Strom, Heizung und Wasser. Als ich mich bei der Stadt angemeldet habe, bekam ich eine Mappe „Meine neue Heimat: Halle an der Saale”. Das war sehr nett. In der Mappe gab es noch eine Einladung für 2 Personen ins Theater und einen Gutschein für einen Zoobesuch. Darüber habe ich mich sehr gefreut. In Russland bekommt man so etwas nicht, leider. Aber es gab nicht nur Einladungen, sondern auch verschiedene Broschüren, wie man am besten Wasser, Strom usw. sparen kann. Es gab sogar einen Antrag für eine effiziente Heizungsmontage und einen Auftrag zur Lieferung von Strom. Außerdem hat man noch kleine witzige Aufkleber, wie z.B. „+ 20 °C sind genug“ oder „Licht aus“ bekommen. Ich verstehe, dass das alles hier mehr Geld kostet. So bezahlt man z.B. für 1 Kubikmeter Wasser 3 Euro. Dazu kommen dann aber noch für 1 Kubikmeter Abwasser 6 Euro. Das macht dann zusammen für 1 Kubikmeter Wasser 9 Euro. Für uns klingt das schon viel, sogar zu viel, aber wenn man den durchschnittlichen Verdienst der Bürger aus Ufa und den der Hallenser vergleicht, ist es kaum zu vergleichen, denn für uns ist es zu wenig.  Manche aber sagen, dass sie auch deshalb sparen, weil sie viel Wert auf die Umwelt legen. Das unterstütze ich und deshalb bemühe ich mich auch, dabei mitzumachen. Wenn man irgendwann mal meiner Oma gesagt hätte, dass das Duschen bei mir hier nur 5-10 Minuten dauert, dann hätte sie nur ganz laut gelacht. Denn daran war in Russland gar nicht zu denken. Ich habe mein Bad genossen und das konnte schon mal bis zu einer Stunde dauern. Hier haben die meisten Leute Duschkabinen in ihren Wohnungen, manche aber auch eine Badewanne, die man dann für gewöhnlich halbvoll macht.

Aber was ich wirklich gar nicht verstehen kann- das ist das Geschirrspülen. Man macht das Spülbecken halbvoll, gibt das Spülmittel dazu, spült alles ab  und stellt das Geschirr dann anschließend in den Trockenkorb. Ohne weitere SPÜLUNG!!! Wie ist das denn mit den chemischen Stoffen im Spülmittel? Was ich noch akzeptieren könnte, und was auch zum Sparen beiträgt: wenn man das Geschirr direkt nach dem Essen nicht spült, sondern sammelt und später das alles auf einmal abwäscht. Das machen ja auch viele. Aber ohne weiteres Spülen geht es für mich nicht! Meine Mitbewohnerin macht das aber immer so. Deshalb muss ich jedes Mal, wenn ich mir einen Teller oder einen Löffel nehme, noch mal spülen. Ich kann nicht anders- tut mir leid!

Was mir aber sehr an diesem Sparsystem gefällt, ist die Heizung. In Russland ist die Heizung ganz anders – es ist eine Zentralheizung, die durch den Staat kontrolliert wird. Man macht sie  an, wenn es kalt ist (also ungefähr im November) und macht sie aus, wenn es langsam warm genug draußen ist (im Spätfrühling). In Deutschland ist es anders, alle haben ihre eigene Heizung, die sie selbst kontrollieren können. Jede Heizung hat einen Thermostat. Wenn es in der Wohnung kalt ist, erhöht man Temperatur und wenn es zu warm wird, dreht man die Heizung ab. Möchte man mal das Zimmer lüften, macht man die Heizung einfach aus und öffnet das Fenster. So heizt man nicht für die Straße mit. Alles ganz praktisch. Wenn man die Wohnung verlässt, macht man die Heizung auch aus. Es wäre sehr gut, wenn man in Russland auch so ein System etablieren könnte! Obwohl sich schon sehr viele Leute in Russland daran gewöhnt haben, Shorts und T-Shirts zu Hause zu tragen, wenn es draußen -30 Grad sind. Aber das ist wirklich eine Energieverschwendung! Wahrscheinlich bin ich so praktisch, denn ich habe mich schon ein bisschen „eingedeutscht“. Aber in Russland muss man wirklich mal anfangen sich Gedanken über die Umwelt und Energieverschwendung zu machen.

Manche Sachen sind hier schwer zu verstehen, manche umgekehrt, die Idee ist aber sehr gut. Hoffentlich nimmt Russland dieses deutsche Effizientenheizungssystem zum Vorbild.

Mironova Alena, Februar 2014